Langanhaltender Applaus in Hilgenroth – Luther-Predigt trifft den Nerv der Zeit

Langanhaltender Applaus nach einem Gottesdienst ist eher eine Seltenheit. In der evangelischen Kirche in Hilgenroth war genau das aber am Sonntag zu erleben: Nach dem Schlusssegen dankten die Besucher Prädikant Jona Luther mit anhaltendem Beifall und Ovationen.

Auf Einladung seines Freundes, des Männerbeauftragten im Evangelischen Kirchenkreis Altenkirchen, Thorsten Bienemann aus Daaden, sowie der evangelischen Kirchengemeinde Hilgenroth war Luther bereits zum zweiten Mal für einen Gottesdienst in den Westerwald gereist. Der Nachfahre von Jakob Luther, dem Bruder des Reformators Martin Luther, gestaltete den Gottesdienst vor einer gut gefüllten Kirche.

Den Mittelpunkt seiner Predigt bildete die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel. Luther machte deutlich, dass diese Geschichte bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren habe. Der Turmbau stehe für den Versuch des Menschen, sich selbst zu erhöhen, die eigenen Möglichkeiten zu überschätzen und letztlich an die Stelle Gottes treten zu wollen. Gott setze diesem menschlichen Größenwahn Grenzen – nicht, um Fortschritt zu verhindern, sondern um den Menschen an seine Verantwortung und seine Begrenztheit zu erinnern.

Von diesem Ausgangspunkt spannte Luther den Bogen in die Gegenwart. Anhand prägender Ereignisse der Geschichte zeigte er auf, wie technische Entwicklungen das Leben der Menschheit nachhaltig verändert haben. Von den Errungenschaften der Raumfahrt bis hin zur rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz stellte er die Frage, wie der Mensch mit den Möglichkeiten umgeht, die ihm gegeben sind.

Dabei betonte Luther ausdrücklich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und technischer Fortschritt keine Bedrohung seien. Im Gegenteil: Die Fähigkeit des Menschen zu forschen, zu entwickeln und Neues zu schaffen sei Teil der ihm von Gott geschenkten Begabung. Moderne Technologien könnten Krankheiten heilen, Kommunikation erleichtern und das Leben vieler Menschen verbessern.

Ebenso deutlich verwies er jedoch auf die Kehrseite dieser Entwicklung. Die Geschichte zeige, dass nahezu jede technische Errungenschaft auch missbraucht werden könne – für Krieg, Unterdrückung oder Zerstörung. Gerade deshalb dürfe nicht allein die Frage im Mittelpunkt stehen, was technisch machbar sei, sondern vor allem, was ethisch verantwortet werden könne.

Mit Blick auf die Künstliche Intelligenz warnte Luther davor, menschliche oder künstliche Intelligenz zu überschätzen. Technik dürfe niemals zur letzten Autorität werden oder den Platz Gottes einnehmen. Maßstab menschlichen Handelns bleibe die Verantwortung vor Gott und gegenüber dem Mitmenschen.

Passend zum Gottesdienst sang die Gemeinde das Lied „Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen“ von Kurt Rommel. Mit seinem Aufruf, Brücken zwischen Menschen zu bauen, Verantwortung füreinander zu übernehmen und Versöhnung zu suchen, setzte das Lied einen hoffnungsvollen Akzent und ergänzte die Botschaft des Gottesdienstes.

Die Predigt stieß bei den Gottesdienstbesuchern auf große Resonanz. Während der gesamten Predigt war die Aufmerksamkeit in der Kirche spürbar. Nach dem Schlusssegen erhoben sich zahlreiche Besucher und spendeten langanhaltenden Applaus – ein außergewöhnliches Zeichen der Wertschätzung in einem Gottesdienst.

Foto (Thorsten Bienemann): Ein Luther in Hilgenroth
Foto (Thorsten Bienemann): Ein Luther in Hilgenroth

Auch anschließend blieb Jona Luther noch lange mit den Besuchern im Gespräch. Viele nutzten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Dabei zeigte sich der Nachkomme der Reformatorenfamilie als nahbarer, herzlicher und bodenständiger Gesprächspartner, der sich Zeit für die Menschen nahm.

Als die Kirche sich allmählich leerte, klang der Beifall noch nach. Mehr als fünf Jahrhunderte nach der Reformation wurde in Hilgenroth deutlich, dass ein Luther die Menschen noch immer erreicht – nicht mit einfachen Antworten auf die Fragen der Gegenwart, sondern mit der Erinnerung an einen zeitlosen Gedanken: Der Mensch kann Großes schaffen und soll die ihm von Gott geschenkten Fähigkeiten verantwortungsvoll nutzen. Er darf dabei jedoch nie vergessen, dass sein Können Gabe Gottes ist und ihn nicht über seinen Schöpfer erhebt.

Text: Thorsten Bienemann