Neujahrsempfang

Tafeln im Kirchenkreis

Beim diesjährigen wurde die ehrenamliche Arbeit geehrt

Im Landkreis Altenkirchen engagieren sich mehr als 200 Personen in der ökumenischen Tafelarbeit in Betzdorf, Altenkirchen, Wissen und Birnbach. Ihnen galt der besondere Dank der Superintendentin Andrea Aufderheide im Rahmen des diesjährigen s in Wissen. Im Impulsreferat ging als Gastreferent Nikolaus Immer, von der Geschäftsführung der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe auch auf die kontrovers geführte Diskussion in Deutschland zur Tafelarbeit ein.

Ehrenamtliche beim

Viele Menschen, die sich rund um die Tafelarbeit im Kreis Altenkirchen engagieren, sei es als Mitarbeitende, Fahrer oder Geschäftsleute, die ihre Waren abgeben oder anderweitig die Tafelarbeit unterstützen, Kommunalpolitiker, Mitarbeitende von Diakonie und Caritas, sowie die evangelische Pfarrerschaft und der katholische Pfarrer von Wissen waren ins katholische Pfarrheim nach Wissen zum gekommen. Superintendentin Andrea Aufderheide dankte der katholischen Kirchengemeinde Wissen, die die Räumlichkeiten  zur Verfügung gestellt hatte. Katholische und Evangelische Kirchengemeinde in Wissen organisieren seit Jahresbeginn 2009 gemeinsam die Arbeit der Wissener Tafel.

Das neue Kirchenjahr beginnt am ersten Advent und seit rund zehn Jahren gibt es den des evangelischen Kirchenkreises Altenkirchen mit dem Beginn des neuen Kirchenjahres. Das Thema „Essen und mehr“ stand im Zentrum der Ansprachen und der sich anschließenden Diskussion und Gespräche.

Superintendentin Andrea Aufderheide

Superintendentin Andrea Aufderheide war es ein ganz besonderes Anliegen im Namen des Evangelischen Kirchenkreises Altenkirchen all den vielen Menschen öffentlich ihren Dank auszusprechen, die sich mit ihrem selbstlosen, sozialdiakonischen Engagement zeit- und kraftintensiv in der Tafelarbeit einbringen. „Vielen herzlichen Dank, liebe Schwestern und Brüder der Tafelarbeit, dass Sie nicht wegschauen von dem, was unsere Gesellschaft gegenwärtig massiv herausfordert, sondern dass Sie hinschauen und etwas tun, und dass Sie es jetzt tun“, betonte die Superintendentin.

Superintendentin Andrea Aufderheide begrüßte im katholischen Pfarrheim in Wissen insbesondere die rund 200 ehrenamtlich tätigen Personen, die sich in den Dienst der Tafeln im AK-Land stellen. Es sei an der Zeit, den vielen ehrenamtlich tätigen Kräften einmal öffentlich zu danken, sagte sie im Gruß an die Gäste. „Sie schauen hin und tun etwas, und zwar jetzt“, lobte sie. Ihr besonderer Gruß galt dem Mitglied der Geschäftsführung der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Nikolaus Immer, den Vertretern der Politik, der Firmen, die die Tafelarbeit unterstützen, den Caritasvertretern und den Pfarrern des Kirchenkreises.

Im Zentrum ihrer Ansprache stand ein Ausschnitt des berühmten Bildes von Sieger Köder, „Hoffnung den Ausgegrenzten“ mit dem Bildausschnitt „Das Mahl“. Als Misereor Hungertuch wurde es weltberühmt, jeder Gast fand einen Druck auf seinem Platz.

„Die Tafeln und ihre Angebote zählen mittlerweile zu der größten Sozialbewegung unserer Zeit. Sie schlagen die Brücke zwischen dem Überfluss und einer ernst zunehmenden Armut in unserem Land, führte Aufderheide eingangs aus. „Wenn die Kirchen angesichts der steigenden Armut ihre Stimme erheben, bitten sie nicht um Almosen, sondern sie erheben auch politische Forderungen“, gab sie zu bedenken. Bei der Bildbetrachtung zum Hungertuch ging Aufderheide auf den Überfluss und die Gier ein, die angesichts von Millionen hungernder Menschen wie ein Stachel im Fleisch der Menschheit sitze. „Es ist Unrecht, das zum Himmel schreit, es darf nicht hingenommen werden. Wenn der Überfluss eine Umverteilung, wie etwa durch die Tafeln erfährt, darf es die Menschen nicht beschämen“, mahnte die Superintendentin. Mit Blick auf die Adventszeit und dem Anbruch der Heilszeit für die Christen merkte sie an: „Wo Menschen bereit sind umzudenken, da geht ein göttliches Samenkorn auf“.

Nikolaus Immer

Nikolaus Immer, Mitglied der Geschäftsführung der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, widmete sich als Referent des es dem Thema „Essen und mehr“ und griff auch die Kritikpunkte auf, denen sich die Tafelmitarbeitenden häufig stellen müssen. Doch die Kritik sei oft „in Schieflage“, denn sie treffe diejenigen, die sie überhaupt nicht verdienten: die engagierten Mitarbeitenden und Nutzer der Tafeln. Immer dankte den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für ihren großen Einsatz und logistische Leistung, aber auch vor allem dafür, dass sie „menschliches Miteinander schaffen“.

Im Impulsreferat „Essen und mehr“ schonte Nikolaus Immer die Gäste nicht. Er beleuchtete schlaglichtartig die Entstehung der Tafelbewegung und der vielfältigen Kritik, der diese Bewegung heute ausgesetzt ist. Am Anfang standen die Obdachlosenküchen, im Jahr 2000 waren es rund 15 heute sind es über 850 Tafeln im ganzen Land, die fast eine Million Menschen versorgen. Anlass zur Freude gebe diese Zahl nicht, Hartz IV habe den Tafeln einen Boom beschert und der Bedarf steige weiter. Immer prangerte die Ungerechtigkeit gegen die Kinder an, die einen deutlich geringeren Regelsatz als Erwachsene erhalten. Langzeitarbeitslose seien die Hauptgruppe aller Hartz IV-Empfänger, und hier gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Folge sei mangelnde Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Resignation und Scham, warnte Immer.

Er griff Kritikpunkte auf, denen sich die Tafelarbeit stellen müsse. „Ersetzen Tafeln die Fürsorgepflicht des Staates, wird hier Barmherzigkeit gegen Gerechtigkeit gesetzt“, so seine rhetorische Frage. Auch das allzu häufig diskutierte Ausnutzen der Tafeln, die entstandenen Kontrollen und die damit verbundene Stigmatisierung der Klienten skizzierte Immer. „Es entwickelt sich abseits eine HartzIV Gesellschaft, will man das hinnehmen in unserem Land“, gab er zu bedenken. „Wir sind in einer Schieflage bei all der Kritik, es geht nicht, dass man die Menschen, die die Tafelarbeit leisten, kritisiert, auch nicht die Nutzer. Wer glaubt, dass, wenn die Tafeln aufhören würden, sich der HartzIV Satz erhöhen wird, der ist völlig falsch informiert“ sagte Immer.

Die Tafelarbeit sei ein bürgerschaftliches Engagement, das kein Staat der Welt organisieren könne.

In den Betrachtungen stand die Tafelplus-Bewegung, die von Diakonie und Caritas in Kooperation aufgebaut wurde. Bei Tafelplus geht es um mehr als nur ein warmes Essen und Lebensmittelausgabe. Hilfe bei vielen Dingen, Kurse wie Kochen und Nähen, sowie Beratungen werden angeboten. „Tafelplus heißt auch Anwaltschaft, Dienst am Nächsten und Solidarität zeigen. Alle sind vor Gott gleich, wir müssen Teilhabe und Gerechtigkeit fordern. Es muss auch für höhere Regelsätze gekämpft werden. Unser Einsatz wird glaubhaft durch unser Tun“, schloss Immer.

Dank an Nikolaus Immer

Dank an Nikolaus Immer für seine diskussionsanregenden Worte: Superintendentin Andrea Aufderheide überreichte Westerwälder Spezialitäten und adventliche Waren aus fairem Handel.

In der sich anschließenden Frage- und Diskussionsrunde zeigte sich deutlich, dass bei den vielen Ehrenamtlichen, die Tafelarbeit leisten, die Kritikpunkte, die Immer skizziert hatte, zwar bekannt waren, aber nicht geteilt wurden.

Gruppengespräche

Viele rege Gesprächsgruppen fanden sich im Anschluss an den Gesprächsimpuls beim zusammen. In Kleingruppe wurde diskutiert und sich ausgetauscht.

Wie wichtig für die Betroffenen in Altenkirchen die Anlaufstelle ist, machte Ute Weber von der Altenkirchener Tafel in einem Beitrag deutlich. „Für die Betroffenen ist das Essen und die Begegnung wichtig. Wenn eine Mutter sagt: „Jetzt können wir auch am Wochenende etwas Richtiges essen“, ist das mehr als eine Bestätigung unserer Arbeit“, sagte Weber. Es gab natürlich Kritik an der Politik, die den Boden für die steigende Armut im reichen Deutschland bereitet hat. Franz-Josef Link, der zu den Gründungsmitgliedern der Wissener Tafel gehört, sieht auch die ungezügelte Gier der Banken und der Lobbyisten tief in der Schuld der Misere, die immer mehr Menschen in die Armut treibe.

Geschenkkörbe für die Tafeln

Vitamine für die Tafelmitarbeitenden im Kreis Altenkirchen: Stellvertretend für die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Tafel nahmen (v.l.) Christa Hiller (Altenkirchen), Markus Aust (Betzdorf), Gerlinde Eschemann (Birnbach) und Franz-Josef Link (Wissen) ein kleines „Vitamin- und Dankeschön-Präsent“ entgegen.

Pfarrer Markus Aust aus Betzdorf sah man deutlich an, dass ihn die Diskussion betroffen gemacht hatte. „Diese Diskussion hier ist sehr bewegend, wenn wir bei den Tafeln die Menschen nur abspeisen würden, wäre das schlimm. Aber in den Tafeln findet Begegnung statt, die sehr lebendig ist, es gibt den gegenseitigen Austausch, man hilft sich und es entstehen Freundschaften. Wir sprechen von unserer Tafelgemeinde in Betzdorf, es gibt Beratungsangebote und Hilfestellungen, wo am Anfang nur die Tafel war. Eine Erhöhung der Regelsätze würde dies niemals ersetzen können“, sagte Aust.

Nikolaus Immer ging in der Antwort darauf ein, dass über den höheren Regelsatz keine Würde geschaffen werde. Es sei erschreckend, wenn Sozialkaufhäuser mit „Ein-Euro-Jobbern“ eröffnet würden und am Eingang kontrolliert werden müsse, dass hier nur Hartz-IV Empfänger einkaufen dürften. Das ist entwürdigend“, sagte Immer. Sein Dank galt den engagierten Personen im Landkreis, die sich in der Tafelarbeit einbringen.

Für die Musik beim sorgte Markus Deger und Tochter Rebecca. Im Anschluss konnte man die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen nutzen, was dann auch rege geschah. (hw)

Makrus Deger und seine Tochter

Markus Deger (Klavier), seit 25 Jahren Mitarbeiter des Evangelischen Kirchenkreises Altenkirchen und nebenamtlicher Organist seiner Heimatgemeinde Wissen sorgte gemeinsam mit seine Tochter Rebecca für gelungene musikalische Akzente beim .

(Helga Wienand/ www.ak-kurier.de )überließ uns freundlicherweise ihre Betrachtung des es.

Alle Fotos: Petra Stroh