Andacht zum neuen Jahr: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Ihr Lieben,

wie seid ihr ins neue Jahr gestartet? Mit Begeisterung und Freude? Oder eher verzagt und mit Befürchtungen? Letzteres nehme ich jetzt öfters bei Gesprächen wahr. Denn immer häufiger höre ich Menschen von ihrer Lebensangst erzählen: Mein Lebensgefühl ist, dass ich mich auf dünnem Eis bewege; jeden Moment kann es unter mir einbrechen; zu jeder Zeit kann mir die Sicherheit meines Lebens wegbrechen; jeden Augenblick kann die Stimmung kippen, dann werde ich um – und vorsichtig und gehe lieber auf Nummer sicher und verziehe ich ins Schneckenhaus. Und auch bei uns, in den Gemeinden, den Orten kirchlichen Lebens ist es ja nicht anders.

Auch da zeigt sich die Zukunft vielen nicht als strahlendes, grenzenloses Land, sondern als finsteres schwarzes Loch, das uns gierig verschlingt und mutlos macht. Die vielen Veränderungen lösen bei vielen Menschen Bedenken, Ängste aus.

Ich möchte heute mit euch auf einen Satz von Gott hören, der uns helfen kann, eine tief in uns liegende Lebensangst nicht allzu mächtig werden zu lassen.

In der alttestamentlichen Lesung für den Neujahrstag, einem Abschnitt aus dem Josuabuch, verheißt Gott: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Josua 1,5

Für mich ist das ein wunderschönes Versprechen Gottes für den Weg durchs neue Jahr.

Machen wir uns klar, in welcher Situation dieses Versprechen laut wird: Das Volk Israel befindet sich auf dem schweren Weg von der Gefangenschaft in die Freiheit. Viele Wüstenjahre liegen hinter ihnen. Jahre, in denen sie wandern mussten ohne Sicherheiten, ohne das bisher Erarbeitete im Gepäck, ohne die Sicherheit großer Vorräte. Oft wussten sie heute nicht, was sie morgen essen konnten. Es war eine Zeit von Entbehrung und von großer Abhängigkeit von Gott.

Dazu kam noch, dass sie das einzig Kontinuierliche verloren hatten, was ihnen geblieben war: Mose, der tapfere Anführer von Anfang an, verlässt sie in Sichtweite des Ziels. Wie sollte es ohne ihn weiter gehen?

Und nun standen sie an der Grenze zum versprochenen Land. Ihnen war jetzt der Gang über den Jordan zugemutet: Neuland lag vor ihnen, von dem niemand wusste, ob die Sehnsüchte und Hoffnungen, die sie in Gedanken schon in dieses Land hineingelegt hatten, dort wirklich aufgehen würden.

Eine Situation, die der unsrigen zu Beginn eines neuen Jahres durchaus nicht unähnlich ist. Und in diese Situation hinein sagt Gott: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Möglicherweise tun wir gut daran, erst einmal zu hören, was Gott nicht verspricht: Gott sagt nicht: Es wird schon irgendwie alles gut gehen. Gott sagt auch nicht: Ich halte dir im neuen Jahr alles Schwere vom Hals.

Gott verspricht: Was immer auch geschieht, ich bin an deiner Seite.

Du begegnest im neuen Jahr nicht blindem Schicksal, sondern mir.

Du magst straucheln in schwierigen Situationen, aber du wirst nicht liegenbleiben, sondern mit meiner Kraft neu aufstehen und weiter gehen können.

Du magst dich verirren auf Holzwegen des Lebens, aber ich lasse dich nicht verkommen im Gestrüpp falscher Entscheidungen.

Du magst dich von Hoffnungen verabschieden müssen oder Menschen verlieren, aber ich verlasse dich nicht.

Manchmal wirst du mich gar nicht mehr in deiner Nähe spüren können und mein Dabeisein kaum wahrnehmen, aber ich bin da, manchmal unbemerkt, manchmal unter dem Gegenteil verborgen.

Ich gehe mit dir an jedem Tag des neuen Jahres: durch Dürrezeiten, an Tagen der Entbehrung, beim Wagnis von Neuanfängen, bei mutiger Grenzüberschreitung; wenn du Menschen loslassen musst, die über viele Jahre mit dir gegangen sind: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Ich denke, mit diesem Versprechen im Rücken können wir den Weg durch das neue Jahr getrost unter die Füße nehmen. Amen.

Pfarrer Martin Göbler, Altenkirchen