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Milch

Selbstverständlich durfte bei einem Film- und Diskussionsabend zum „System Milch“ das Nahrungsmittel, das immer mehr zu einer global gehandelten Industrieware wird, nicht fehlen. Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (rechts) im Gespräch mit Axel Dosch, Agrarsoziologe und Referent in der Landjugendakademie Altenkirchen für nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume.

 

Das „System Milch“
rundum beleuchtet

Film in Neitersen regte zu Nachdenken und Diskussion an

 

Als das heutige nostalgisch anmutende  Programmkino in Neitersen (Kreis Altenkirchen) in den Wirtschaftswunderjahren noch das kulturelle Dorfleben prägte, gehörten Kühe ganz selbstverständlich zum Lebensalltag der ländlichen Bevölkerung. Milchvieh graste die örtlichen Wiesen ab, wurde abends durch die Dorfstraßen zum Stall getrieben und versorgte Besitzer und Nachbarn mit einem hochwertigen Lebensmittel.
Mit der Messingkanne zog man abends los und freute sich an stallwarmer Milch. Das „Direktvermarktung“ zu nennen, wäre damals keinem eingefallen. Man ging schlicht „Milchholen“, zahlte dafür  ein paar Groschen, was angesichts der allgemeinen Lebenshaltungskosten damals aber beileibe kein „billiger“ Einkauf war.
Heute gibt es auch in den Westerwälder Kühlschränken zumeist nur „Tütenmilch“. Ob sie aus der Eifel oder aus Ostfriesland stammt, weiß keiner der Konsumenten. Ob man gut daran tut, zur teureren Markenmilch oder zur günstigeren Discountermilch zu greifen, bleibt dem Milchtrinker meist auch unklar. „Billig“ ist das Lebensmittel  geworden - und ohne Bezug zur Heimat, zum Tier, zur bäuerlichen Arbeit.

Wie kam es dazu, dass aus dem „Lebensmittel Milch“ ein „Rohstoff“ wurde, der global knallhart gehandelt wird? Wie wurde aus einem tier-, bauern- und verbrauchergerechten Milchhandel eine milliardenschwere Industrie, die Tier, Mensch und Umwelt weltweit belastet?

„Das System Milch“, der  jüngst von Grimme-Preisträger und Regisseur Andreas Pichler vorgestellte Dokumentarfilm (eine von evangelischen Kirchen mitfinanzierte EIKON-Produktion), blickt aus vielen Blickwinkeln auf das, was denn Wandel auslöste, ihn beschleunigt, wem er schadet und wem nutzt. Pichlers dokumentierte Treffen mit Milchbauern, Molkerei-Managern, Politikern, Wissenschaftlern und Lobbyisten lösen nicht nur im Westerwald heftige Diskussionen aus.

Bei der öffentlichen Filmvorführung – auf Initiative der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Landjugendakademie in Altenkirchen – im proppenvollen alten Neiterser Kino war nicht nur Präses Manfred Rekowski „erschlagen“ von der Fülle des Films. „So viele Ansatzpunkte, die uns als Gesellschaft und Christen herausfordern, wo wir anpacken müssen!“ 
Der Film „Das System Milch“ greife genau die Themen auf, mit denen man sich  seit der Landessynode 2008  mit ihrem Schwerpunktthema „ Wirtschaftliche Globalisierung und ihre Herausforderungen für die Kirche – Wirtschaften für das Leben“ beschäftige.

Ging es in der Filmvorführung auch um die globalen Folgen des „Systems Milch“, so wurde in der Podiumsdiskussion - neben Präses Rekowski diskutierten mit den Besucherinnen und Besuchern (Leitung: Axel Dosch, Referent der Landjugendakademie)  der Filmproduzent Christian Drewing,  Milchbauer Ludwig Seegers aus Rott, der Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Altenkirchen Georg Groß, Biobäuerin  Jutta Kröll  aus Stopperich und der Vorsitzende des Evangelischen Dienstes auf dem Lande (EDL) Andre Beetschen – vor allem deutlich, welche Reaktionen das „System Milch“ bei den Vor-Ort-Akteuren hervorruft.
Zukunftsängste wurden ebenso offenbart wie Hoffnungen auf neue Direktvermarktungschancen oder die Hinwendung zu ökologischer Landwirtschaft. Engagiert diskutierten mehr als 100 Besucher, darunter auch Berufsschülerinnen und -schüler einer landwirtschaftlichen Ausbildung.
Unisono forderte die Diskussionsrunde ein Mehr an Wertschätzung und  Orientierung am Wohl von Tier, Mensch und Schöpfung ein. Dabei seien – so der Tenor - Konsumenten, Produzenten, Vermarkter und politisch Handelnde gleichermaßen gefordert. PES.

Podium

Im Anschluss an den Film diskutierten (v.r.) Präses Rekowski, Christian Drewing, Film-Produzent von EIKON; Moderator Axel Dosch, Landjugendakademie Altenkirchen; Georg Groß, Vorsitzender des  Kreisbauernverbandes Altenkirchen; Ludwig Seegers, Milchbauer aus Rott und Jutta Kröll, Biobäuerin aus Stopperich.

Andree Beetschen

Andre Beetschen – Vorsitzender des Evangelischen Dienstes auf dem Lande (EDL) Rheinland, will „hinhören, was die Menschen auf dem Land bewegt“. „Landwirtschaft war schon immer eine schwere Profession, aber früher wussten alle rundum, was geleistet wurde. Heute gibt es ein falsches digitales Bild und keine Wertschätzung mehr…“

Volles Kino

Proppenvoll war das Kino in Neitersen. Unter den mehr als 100 Gästen waren auch BerufsschülerInnen in einer landwirtschaftlichen Ausbildung. Alle Fotos: Petra Stroh

Diskussionssplitter:

„Nur noch zwei Prozent der Menschen in Deutschland arbeiten in der Landwirtschaft und produzieren unsere Nahrungsmittel. Vielfach sind sie aus dem Blick geraten…“

„Die Bauern stehen mit dem Rücken an der Wand! Von unserem ‚Sorgentelefon für bäuerliche Betriebe in der EKiR’ erfahren wir hautnah, was schief läuft. Früher riefen die Menschen an und sorgten sich um die Hofnachfolge, heute quält sie schiere Existenzangst!“

Andre Beetschen, Vorstand Evangelischer Dienstes auf dem Lande (EDL)/Rheinland

 

„Wir wollen Filme für das Leben machen, da ist Milch sicher ein wichtiges Thema.“
„Man kann erspüren, dass viele Landwirte einfach nicht mehr wissen, wie es mit ihnen, ihrer Familie und ihren Höfen weitergehen kann“

Filmproduzent Christian Drewing

 

„Wir könnten hier im Westerwald autark produzieren – ohne Einfuhr von Soja!“

Ist es vernünftig und ökologisch sinnvoll, dass allein in unserer Region zehn unterschiedliche Unternehmen unterwegs sind, die die Milch einsammeln?“

Georg Groß, Vorsitzender Kreisbauernverband Altenkirchen

 

„Nach der Umstellung auf den Biobetrieb haben wir statt 200 Kühen jetzt nur noch 130 und fühlen uns befreiter!“

„Lasst uns die Milch wieder regional aufarbeiten und vermarkten. Dann gewinnen wir das Vertrauen der Verbraucher!“

Milchbauer Ludwig Seegers aus Rott

 

„Man ist als Landwirt noch nicht durch ein Tal der Tränen durch, dann kommt schon das nächste…“

„Bitte treibt keinen Keil zwischen die Biobauern und die konventionellen Landwirte!“

Diskussionsteilnehmer in Neitersen

 

„Die Missstände sind da, aber die Filmemacher und Journalisten müssen drauf achten, dass nicht zweideutige Aussagen falsche Bilder erzeugen. Wir töten keine männlichen Kälber, wir achten unsere Tiere!“

Landwirtschafts-Auszubildende, die kritisch eine Filmszene hinterfragte

 

„Der alte Raiffeisen würde sich im Grabe umdrehen wenn er sehen würde was heute aus seiner Genossenschaftsidee geworden ist!“

Ein Diskussionsteilnehmer, der mit dem heutigen Ansatz genossenschaftlicher Molkereien hadert

 

„Wir freuen uns, dass in der Landjugendakademie Altenkirchen demnächst auch die beiden Klimaschutz-ManagerInnen der EKiR ihren Sitz haben werden. Als anerkanntes ‚Klimabildungszentrum’ bieten wir ein umfangreiches Programm“.

Axel Dosch, Referent der Landjugendakademie Altenkirchen