LOGO des Evangelischen Kirchenkreises Altenkirchen

Home - Hintergrund

Gilt das Heil in Jesus Christus nicht mehr?

Eine persönliche Stellungnahme zum Beschluss P14 auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 12. Januar 2018 – und warum ich ihm zugestimmt habe - von Pfarrer Marcus Tesch

Die evangelische Nachrichtenagentur idea titelt auf ihrer Internetseite: „Rheinische Kirche will Muslime nicht mehr bekehren.“ Mehr als 40 Kommentare sind bereits zu dieser Meldung abgegeben worden – die meisten signalisieren Unverständnis. Auf der Facebookseite von idea sind es mehr als 500 Reaktionen auf die Meldung sowie eine ähnlich hohe Anzahl von Kommentaren. Passend zu dem dort meist vorherrschenden Umgangston, beinhalten diese hauptsächlich Schmähungen der Landessynodalen, der Kirchenleitung oder der Evangelischen Kirche insgesamt. Die Zahl der differenzierenden Kommentare ist überschaubar. Sie fallen weniger auf und werden selbst schlimmer Schmähungen unterzogen.
Doch nicht nur die Öffentlichkeit erreichen solche Meldungen und Reaktionen, auch ich erhalte – bisher nur freundliche – Rückfragen zu dem Beschluss P14 der Landessynode. Sie sind alle sachlich und theologisch orientiert und bitten um eine Auskunft an mich als Landessynodalen, was dieser Beschluss eigentlich bedeutet (und warum ich ihm zugestimmt habe).
Der Beschlusstext ist öffentlich zugänglich und lässt sich unter folgender Adresse aufrufen: http://www.ekir.de/www/downloads/P14-Muslime.pdf

Der Text als solcher ist überschrieben mit: „Für die Begegnung mit Muslimen. Theologische Positionsbestimmung“. Zunächst muss ich allerdings festhalten, dass ich an dem Text selbst nicht mitgewirkt, sondern ihn in einer etwas anderen Fassung als Beschlussvorlage im Dezember mit der Einladung zur Landessynode zugeschickt bekommen habe. Außerdem habe ich auf der Landessynode nicht an den Ausschüssen teilgenommen, in denen der Entwurfstext beraten und diskutiert wurde. So konnte ich den Entwurf inhaltlich zur Kenntnis nehmen ebenso wie die dann anschließende Einbringung und die Diskussion im Plenum, aber jeder einzelne Schritt seiner Entstehung ist mir nicht vertraut.

Ich möchte hier allerdings nicht auf das Thema Islam als solches eingehen. Dazu fehlen mir die Sachkenntnis und auch die persönliche Vertrautheit mit Menschen, die sich dazu bekennen (was nicht bedeutet, dass ich keine Muslime kennen würde!).
Mir geht es einzig um die theologischen Fragen, die im Zusammenhang mit dieser Debatte geführt wurden und die zum Stein des Anstoßes oder des Fragens geworden sind. Dabei möchte ich weniger referieren, was auf der Synode vorgetragen wurde, sondern meine persönliche Position benennen. Die Einbringung des Themas und die Diskussion zur Sache lässt sich auf YouTube nachverfolgen (Ich bin dort auch mit einer Wortmeldung vertreten! Allerdings fehlt auf YouTube noch der entsprechende Film). https://www.youtube.com/watch?v=b1Em_xM6h6M, beginnend ab Minute 24:50.

Ich habe diesem Beschluss zugestimmt und sehe mich als Mitglied der Landessynode auch verpflichtet, diesen mitzutragen, was aber nicht bedeutet, dass ich mir jede bei der Diskussion gemachte Äußerung zu eigen mache. Manchen Äußerungen kann ich tatsächlich nicht voll zustimmen. Mir geht es aber darum, aufzuzeigen, warum ich diesem Text schlussendlich zugestimmt habe.
Grundsätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass es inhaltlich beim Beschlusstext nicht um die Frage der Mission, sondern um den Dialog mit Muslimen geht. Er setzt voraus, dass es Muslime in unserem Land gibt und dass sie religiös organisiert sind und nicht alle einer radikalisierten Form des Islam folgen.
Ich will an einem Beispiel verdeutlichen, worin der Unterschied liegt. In meiner Straße eröffnet ein Mensch türkischer Abstammung einen neuen Imbiss. Nun kann ich in der ersten Woche hingehen und bevor ich bei ihm einen Döner erwerbe, ihn auf meinen Glauben als Christ hinweisen und ihm eine Bibel schenken. Das wäre „Mission“. Nun kaufe ich den Döner. Er schmeckt gut. Ich komme wieder. Vielleicht spreche ich meinen neu gewonnenen türkischen Mitbürger auf die Bibel und den Glauben an. Aber er macht keinerlei Anstalten, sich von mir zum christlichen Glauben bekehren zu lassen. Ich gehe aber trotzdem weiter hin und kaufe mir regelmäßig dort den Döner und spreche mit dem Mann. Er erzählt mir von seiner Heimat, seiner Familie und seinem Glauben und ich ihm von meiner Familie und meinem Glauben - und wir entdecken sehr viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Rede ich in Zukunft nur noch mit ihm, wenn er sich zum christlichen Glauben bekehren lässt? Vielleicht kommen wir schon bald in einer Bürgerinitiative zusammen, die beabsichtigt, die Straße zu beruhigen und zu begrünen. Finden wir dann nicht auch Gemeinsamkeiten, obwohl er Muslim bleibt und ich Christ? Was passiert, wenn er mich zu sich nach Hause einlädt? Gehe ich hin? Und lade ich ihn auch zu mir ein – oder nur, wenn er anschließend ein Christ wird? Vielleicht entdecke ich auf diese Weise, dass „Mission“ letztlich auch etwas anderes oder mehr bedeuten kann, als ihn nur von meinem Glauben zu überzeugen. Dass „Mission“ auch sein kann, ihm meine Gastfreundschaft als Christ zu zeigen, obwohl er nicht zum christlichen Glauben übertritt?

Das sind nur sehr einfache Gedanken zu dem, was Mission und Dialog unterscheidet, bzw. verbindet. Wir sehen, dass es im Zusammenleben von Menschen nicht nur ein Entweder-Oder gibt.

An drei Punkten entzündete sich nun m.E. die Diskussion und auch die in den an mich gerichteten Anfragen sowie bei den Kommentaren auf Facebook und idea:

1. Glauben Christen und Muslime an den gleichen Gott?
2. Ist der Glaube an Jesus Christus nicht zum Heil nötig für Muslime?
3. Sollen Muslime sich nicht mehr bekehren?

Auf die erste Frage antwortete die Synode mit den Worten: Das wissen wir nicht! Denn dazu müssten wir ja selbst Gott sein. Nur er „schwebt“ über den Dingen. Klar ist, dass Christen und Muslime Gott auf unterschiedliche Weise anbeten. Wir als Christen glauben an den Gott, der sich als Dreieiniger in der Bibel und vor allem in Jesus Christus offenbart hat. Wir sind deshalb daran gebunden, ihm in der Weise zu folgen, wie er uns dort begegnet. Wir relativieren diese Offenbarung Gottes auch nicht, wenn wir sagen: Wir finden auch im Koran und im Islam vereinzelt Spuren des Gottes, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat, z.B. wenn Gott der Allbarmherzige genannt wird. Für mich als Christ stehen Jesus Christus und die Bibel auf der einen Seite und Mohammed und der Koran auf der anderen Seite nicht auf derselben Stufe. Wenn ich wissen will, wer und wie Gott ist, greife ich zur Bibel und wende mich Jesus Christus zu. Aber es kann sein, dass mich Worte aus dem Koran auf diesen Gott verweisen so wie ein schöner Sonnenuntergang am Meer ein Hinweis auf die Schönheit und Kreativität Gottes ist.
Ob der Gott des Korans derselbe Gott wie der der Bibel ist, werden wir erst entdecken, wenn sich am Ende aller Zeit der Schleier hebt. Umgekehrt müssen wir aber fragen: Wenn es denn ein anderer Gott wäre, an wieviele Götter glaubten wir dann? Macht es nicht viel mehr Sinn anzunehmen, dass sich hinter dem Gott des Korans der gleiche Gott „verbirgt“, der sich uns in Jesus Christus deutlicher und unverhüllter aber eben auch nicht völlig erschlossen hat?
Im Beschlusstext der Synode jedenfalls heißt es: Die Landessynode sieht im jeweils eigenen Bezug von Christentum und Islam auf die biblischen Traditionen, in der Wertschätzung der Muslime und Musliminnen für Jesus als besonderen Propheten und im Leben vor Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eine Beziehung zwischen beiden Religionen begründet. Hieraus ergeben sich Ansatzpunkte für das theologische Gespräch, in dem sowohl Gemeinsamkeiten als auch grundlegende Differenzen offen zur Sprache kommen.

Die zweite Frage richtet sich auf die Bedeutung Jesu Christi im Geschehen der Rettung. Welche Bedeutung haben Schriftstellen wie Johannes 14,6 („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“) oder Apostelgeschichte 4,12 („In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“)? Lehren diese Worte denn nicht, dass es außerhalb der Gemeinschaft mit Christus und dem Glauben an ihn kein ewiges Heil gibt? Ja, das tun sie, zumindest nach meinem Verständnis. Ich bin überzeugt, dass es keinen anderen Zugang zum Heil Gottes gibt als durch Jesus Christus. Wenn wir einmal nach der Auferstehung in der erneuerten Welt Gottes leben werden, dann werden wir dies tun, wie es die Schrift bekennt, weil Jesus Christus für uns gestorben und auferweckt worden ist. Aber eben nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Als Menschen, die diese Erkenntnis haben, nehmen wir dieses versöhnende Handeln Gottes im Glauben für uns an. Was ist aber mit denen, die diese Erkenntnis niemals haben? Die an einem anderen Glauben festhalten? Oder die diesen Glauben ablehnen?
Einen verlässlichen Grund betreten wir, wenn wir Gottes Gnade vertrauen. Aber Gott ist und bleibt souverän in seinem Tun. Wen er wann und wie errettet, bleibt uns letztlich entzogen. Ob die Gnade, die er in Jesus Christus gezeigt hat, auch am Ende für die reicht, die ihm nicht geglaubt haben, können wir nicht entscheiden. Dieses Urteil steht einzig ihm selbst zu und nicht uns. Wir sind aber damit beauftragt, freimütig unseren Glauben zu bekennen und ihn zu leben.
Für uns gilt, was im Beschlusstext in Punkt 1 steht: Im Hören auf die Heiligen Schriften Alten und Neuen Testaments und in der Antwort ihres Glaubens weiß sich die Landessynode gebunden an das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes, der in der Bundesgeschichte Gottes mit seinem Volk steht. Diese Bindung verdankt sie dem heilvollen Wirken der Gnade Gottes.
Ich sehe in dem Papier nichts, was der Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus widerspricht. Es geht ja um die Grundlage für einen Dialog, der sich am Umgang Jesu mit den Menschen ein Beispiel nimmt und der in seiner Liebe auch die Muslime einschließt. Mir fallen in diesem Zusammenhang immer die Erzählungen aus dem Neuen Testament ein, in denen die Samaritaner eine Rolle spielen. So wird im bekanntesten aller Gleichnisse Jesu der Samariter das Vorbild für das liebende Handeln am Nächsten. Und von den zehn Geheilten kehrt nur einer dankbar zu Jesus zurück – ein Samaritaner. Müsste nicht diese Haltung Jesu zu den Samaritanern auch unsere Haltung zu Muslimen prägen?

Die Antwort auf die dritte Frage fällt mir am schwersten. Im Papier steht unter dem Punkt 3 der Satz: Der Dialog zielt auf das gegenseitige Kennenlernen, das gemeinsame Handeln, das Aushalten von Differenzen sowie eine vertiefte Wahrnehmung der je eigenen Traditionen, nicht aber auf eine Konversion zur jeweils anderen Religion. Gerade über den letzten Halbsatz wurde am längsten diskutiert. Mir wäre es nicht unlieb gewesen, wenn dieser Satz nicht Teil des Beschlusses geworden wäre. Er hat aber die deutliche Mehrheit gefunden und ich habe dem gesamten Beschluss trotzdem zugestimmt.
Deutlich wurde in der Diskussion, dass Konversionen zum christlichen Glauben durchaus erwünscht sind. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber, was in der Begründung zu diesem Beschlussantrag formuliert worden ist:
Mission ist keine menschliche Aufgabe. Mission ist Gottes Sache. Und die Bekehrung eines Menschen liegt nicht in unserer, sondern in Gottes Hand. Unsere Sache ist das Zeugnis über unseren eigenen Glauben. Wenn jedoch Menschen muslimischen Glaubens aus freien Stücken sich taufen lassen wollen, so ist das, wie bei anderen Taufen auch, Grund zur Freude. (hier zu finden auf Seite 5, http://www.ekir.de/www/downloads/DS30FuerdieBegegnungmitMuslimen.pdf). Der wichtigste Satz ist demnach: Mission ist Gottes Sache (ich ergänze: und nicht das Ergebnis menschlicher Überredungskunst). Mission geschieht durch das Zeugnis von Jesus Christus, das gerade nicht verleugnet werden soll, sondern: Die Landessynode ermutigt die Mitglieder der Evangelischen Kirche im Rheinland dazu, ihren eigenen Glauben im Dialog zu erklären und freimütig zur Sprache zu bringen. So kann es ja geschehen, dass Menschen muslimischen Glaubens durch dieses Zeugnis im Dialog zum Glauben an Jesus Christus kommen. Das Papier macht aber deutlich, dass das Gespräch, bzw. der Dialog, nicht darauf abzielt, sondern vor allem auf ein echtes Kennenlernen und Verstehen ausgerichtet ist. Wichtig ist dabei, dass diese Absicht ja auf Gegenseitigkeit angelegt ist. Wer beim Gespräch mit Vertretern des anderen Glaubens nur darauf aus ist, den anderen zum jeweiligen eigenen Glauben zu bekehren, kann am Ende gar kein Gespräch führen, sondern muss das Gespräch irgendwann abbrechen und auf Konfrontation gehen. Deshalb legt das Papier ja auch Wert auf die Religionsfreiheit: Als Christen und Christinnen treten wir ein für Religionsfreiheit als ein universales Menschenrecht. Die Religionsfreiheit beinhaltet zu glauben, nicht zu glauben und seinen Glauben zu wechseln sowie ihn öffentlich zu leben und zu bekennen.
So entnehme ich dem Beschluss für mein Verständnis folgenden Gedanken, den möglicherweise nicht alle teilen, die ihm zugestimmt haben: Das Bekenntnis zu Jesus Christus lädt ein zum Glauben an ihn. Es soll aber so bezeugt werden, dass dem Geist Gottes zugetraut wird, durch dieses Bekenntnis selbst Muslime, aber nicht nur sie, für Jesus Christus zu gewinnen.

Einig waren sich übrigens alle Synodale in der Ablehnung jeglicher Form des Extremismus. Darum heißt es im Beschluss: In unserer säkularen und demokratischen Gesellschaft stehen Christen und Christinnen und Muslime und Musliminnen in der Verantwortung für eine positive Gestaltung des Gemeinwesens. Hierzu gehört der Einsatz gegen alle Formen von Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, religiösem Extremismus und Fundamentalismus. Ich habe zu diesem Punkt den Antrag gestellt, dass auch die Christentumsfeindlichkeit als gemeinsamer Einsatz von Muslimen und Christen in die Aufzählung aufgenommen werden soll. Dies wurde leider von einer knappen Mehrheit abgelehnt. Ich habe dem Text im Ganzen trotz dieser Ablehnung aber zugestimmt.

„Rheinische Kirche will Muslime nicht mehr bekehren.“ - Was ist von dieser Überschrift zu halten? Etwas spitz formuliert, würde ich sagen: Zu einem freudlosen, gesetzlichen, hasserfüllten und leider auch in Teilen fundamentalistischen Christentum, das in vielen Kommentaren unter der idea-Meldung zu finden ist, würde ich auch niemandem bekehren wollen. Es stimmt mich traurig, dass viele, die die Wahrheit und Einzigartigkeit Jesu Christi verteidigen wollen, dies in einer wenig ansprechenden Weise tun. Welcher Muslim soll von so einer Art, respektlos über den Islam und vor allem auch über andere Christen herzuziehen eigentlich angesprochen werden? Mir haben Muslime, die aus dem Iran geflohen sind, immer wieder gesagt, dass sie an den Christen die Nächstenliebe und überhaupt den Glauben an die Liebe Gottes so schätzen. Ich hoffe nur, dass sie die vielen Äußerungen solcher Christen, wie sie sich dort finden, nicht lesen.
Ansonsten geht es in dem Beschluss, wie ich es ausgeführt habe, nicht vorrangig um die Frage, ob und wie Muslime zum Glauben an Jesus Christus gelangen – also um „Bekehrung“ - sondern um die Frage, wie wir als Christen und Muslime in einer Zeit der Säkularisierung und der zunehmenden Gewalt friedlich leben und zu einem friedlichen Miteinander in der Welt beitragen können.

Marcus Tesch, den 14. Januar 2018